Ich bin gerade im Urlaub in Portugal und heute kam mir der Gedanke daran, dass Portugal beim Eurovision Song Contest bislang sehr folkloristisch geprägte Beiträge gezeigt hat und leider, wie es die Statistik zeigt, eines der erfolglosesten Länder diesbezüglich ist (beste Platzierung 6. Platz 1996). Also recherchierte ich mal im Netz…

Seit kurzen ist es schon möglich, die Beiträge, die die Länder zur Teilnahme auserkoren haben, im Netz zu sehen. Als ich mit meiner Frau nach einigen Clips aus verschiedenen Ländern dann den portugiesischen Song anmachten, schauten wir uns nach einigen Sekunden ungläubig an…

Der Eurovision Song Contest ist nicht selten eine eher gruselige Veranstaltung. Es bleibt häufig der Eindruck, dass trotz der vielen Länder und Künstler, die jedes Jahr daran teilnehmen, ein kreatives Vakuum kaschiert werden soll – mit immer gleichen Songs in denselben Variationen. Wieder und wieder wurde in der Vergangenheit versucht, neue Abstimmungsmodalitäten einzuführen, die dann wieder geändert wurden. Dies nicht zuletzt, weil einige Siegertitel absolut nicht nachvollziehbar waren – zumindest für Leute mit einem Hauch von Musikgeschmack.

Doch wer glaubt, diese Veranstaltung sei vollkommen nutzlos, irrt gewaltig. Gerade in heutigen Zeiten ist diese Form von nationenübergreifender Gemeinsamkeit wichtig und bietet die Chance, den musikalischen Ausdruck verschiedener Länder gezeigt zu bekommen. Leider schwanken die deutschen Kommentare von Peter Urban in der ARD seit Jahren zwischen treffender Bissigkeit bis hin zu überheblicher Arroganz ohne in beiden Fällen wirklich lustig zu sein.

Ich schaute diesen Grand Prix in den 80er Jahren erstmals im Fernsehen an, zappte ein paar Mal in den 90er und 2000er Jahren entsetzt und fassungslos hinein und war dann 2009 begeistert vom Gewinnerlied aus Norwegen. Seitdem war so manches durchwachsene Jahr dabei, doch Lenas Jahr 2010 als auch der großartige österreichische Song von Conchita Wurst haben einige der peinlich-mäßigen Jahrgänge vergessen lassen.

Aus der Sicht des Auftrittscoaching lässt sich folgendes beobachten: der Anteil der Künstler, die ihre Nervosität zeigen, ist seit den 80ern enorm gesunken. Die allermeisten sind hochprofessionell vorbereitet und haben offensichtlich keine Probleme vor einem Millionenpublikum live zu singen und zu performen. Leider ist kein Platz für Improvisationen, denn jede Bewegung, jede Geste ist einstudiert. Die hohe Kunst ist und bleibt es aber, wie ein Profi zu performen, dabei aber die Leute mitzureißen und auch noch authentisch zu sein; also die Besonderheit der eigenen Person herauszustellen und dazu zu stehen.

Und so ein Auftritt war bisher selten zu sehen. Lena Meyer-Landrut ist sicherlich ein Beispiel, wie dies gelingen konnte. Drei Minuten hat jedes Land nur Zeit, einen bleibenden, positiven Eindruck zu hinterlassen. Drei Minuten das Publikum nicht nur im Saal, sondern auch vor den Fernsehern zu „flashen“; was beides manchmal vollkommen unterschiedlich gelingen kann. Häufig kann ein schwacher Song durch visuell-interessante Darbietung aufgewogen werden.

Portugal hat seine nationale Vorentscheidung in den letzten Jahren beim Festival da Canção gefällt. 2017 heißt der Gewinner Salvador Sobral, der für sein Land nach Kiew geschickt wird.

Dass meine Frau und ich uns verdutzt anschauten, lag in erster Linie an der ungewöhnlich-seltsamen Performance, die befremdend und vollkommen faszinierend zugleich ist. Ich dachte zuerst: mit dem stimmt doch etwas nicht, was sind das für seltsame Bewegungen? Aber Salvador interpretiert diesen Song mit seiner Eigenart, die authentisch, einnehmend und berührend ist; und je öfter man das hört, umso genialer wird „Amar Pelos Dois“.

Nicht nur wegen der kompositorischen Qualität dieses auf Portugiesisch gesungenen nur mit Streichern und Klavier begleiteten Jazz-Walzers (geschrieben von seiner Schwester), nicht nur weil ich diese Sprache, die zuweilen wie ein betrunkener Katalane klingt, noch nie so schön empfunden habe und nicht nur, weil der Gesang von Salvador Sobral mit seiner Ausdruckskraft und Fragilität an die Transgender-Stimme von Anohni (Antony and the Johnsons) erinnert, wage ich es zu prophezeien, dass in diesem Jahr das Siegerlied aus Portugal kommen wird.

Herausragen wird dieser Song auch, weil die allermeisten anderen Länder hymnenartige Uptempo-Nummern am 13. Mai ins Rennen schicken.

Nachtrag

Qualität lässt sich eben doch erkennen. Ich hatte recht, Salvador hat den ESC 2017 gewonnen!