SPEZIALFOLGE ZUR SCHACH-WM IN NEW YORK

Die Schachweltmeisterschaft zwischen dem Norweger Magnus Carlsen und Ukrainer Sergey Karjakin fand vor einiger Zeit in New York statt und sehr viele Schachbegeisterte verfolgten die Partien live. Es mag einige Leute erstaunen, die mit Schach nicht viel am Hut haben, dass auf Spiegel-Online aktuell die Berichterstattung der Schach-WM zu den am meisten gelesenen Artikeln gehörte. Schach ist ein faszinierendes Spiel und hat mehr Anhänger als gedacht.

In dieser Spezial-Episode von Inside Brains zur Schach-WM führe ich ein Gespräch mit dem bekannten deutschen Schach-Großmeister, Autor, Fernsehmoderator und Psychotherapeuten Dr. Helmut Pfleger.

Helmut Pfleger stand mehrere Jahrzehnte als Synonym für die Schachberichterstattung im deutschen Fernsehen und seine Schachsendungen im WDR, in denen bekannte Großmeister um den Fernsehschachpreis spielten sind legendär, nicht zuletzt wegen der brillanten und humorvollen Kommentare und Analysen von Pfleger und seinem Kompagnon Vlastimil Hort.

1965 gewann er die deutsche Meisterschaft und bis in die Mitte der 1980er Jahre gehörte er zu den besten Schachspielern der Bundesrepublik. Besonders spannend ist folgende Tatsache: Um zu belegen, dass Schach ein Leistungssport ist und die Spieler auch körperlich stark beansprucht werden, führte er 1979 während eines hochklassig-besetzten Schachturniers sportmedizinische Untersuchungen durch.

In diesen Interview spreche ich mit Helmut Pfleger über seine Schachkarriere, über die Erfahrungen, die er bei seinen Fernsehberichterstattungen zu den Schachweltmeisterschaften machen konnte, insbesondere die dramatischen Partien zwischen Kasparow und Karpow und über die Frage, wie ein Magnus Carlsen aus einer arktischen Schachwüste Norwegen kommend es an die Weltspitze schaffen konnte. Gibt es wirklich ein Naturtalent oder ist die harte jahrelange Arbeit, wie es z.B. die Polgarschwestern widerspiegeln, notwendig und ausreichend?

Wir sprechen über die Kunst des Blindschachs, über psychologische Studien zu überlegenden mentalen Repräsentation von Schachspielern und deren durchschnittlichen Intelligenzquotienten. Über die Anfänge des Computerschachs und deren „brute force“, deren reine Rechenkraft, sowie über das herankommende Schachtalent Vincent Keymer, der kürzlich mit seinen elf Jahren bei einem Turnier bereits 13 Großmeister hinter sich lassen konnte.

In diesem Gespräch gibt es eine Fülle von Anekdoten und spannenden Hintergrundgeschichten aus der Schachwelt. Wir sprechen über den berühmten Schachwettkampf zwischen dem Amerikaner Bobby Fischer und dem Russen Boris Spasski zu Zeiten des Höhepunktes des kalten Krieges und über die Verfilmung dieses Großereignisses der Siebzigerjahre, mit dem Titel „Pawn Sacrifice“ (Bauernopfer), die vor kurzem in den Kinos lief und in der Tobey Maguire den exzentrischen Bobby Fischer verkörpert. Über den feinen Sinn für Humor von Boris Spasski, dem möglicherweise bis heute noch völlig unterschätzten Weltmeister.

Wir reden über Josh Waitzkin, der als das neue Schachwunderkind und als Nachfolger von Bobby Fischer gehandelt wurde und sich dann aber von Schach zurückzog und Weltmeister im Tai-Chi-Chuan Push-Hands wurde.

Helmut Pfleger erzählt, wie es war Anfang der Sechzigerjahre mit Bobby Fischer durch die Schachcafes von Bamberg zu ziehen. Und wie es war als 21-Jähriger bei der Schacholympiade in Tel Aviv die Bronzemedaille mit 10 Siegen aus 15 Partien zu holen und dabei im Team die übermächtige Sowjetunion zu schlagen.

Es ist außerdem bekannt, dass auch wie bei musikalischen Höchstleistungen, die Einnahme von stressreduzierenden Substanzen, langfristig schädigend wirken. Helmut Pfleger erzählt von seinen eigenen, einmaligen Dopingerlebnissen mit Hilfe von Betablockern die Nervosität vor und während der Partie zu reduzieren.

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In dieser Episode wird außerdem deutlich, was meine eigene Erfahrung als Höchstleistungscoach ebenfalls widerspiegelt, nämlich dass vielen Spitzenschachspielern völlig klar ist, dass die mentale Einstellung einen großen, wenn nicht entscheidenden Faktor für den Gewinn einer Partie darstellt, aber die bereits vorhandenen Techniken zur mentalen Stärkung so gut wie gar nicht genutzt werden.

Jeder, der Turnierschach spielt, weiß, dass neben dem Duell auf dem Brett ein psychologisches Duell ausgetragen wird. Doch warum lass ich mich manchmal davon in großem Maß beeinflussen und manchmal nicht. Und andersherum: Ist mir als Schachspieler klar, warum ich gerade einen Lauf habe und Partien reihenweise gewinne? Welche Gedanken sind hilfreich, um zu gewinnen und was kann man tun, um sich mental so vorzubereiten, dass man eben nicht in eine körperliche Stressreaktion gerät. Helmut Pfleger konnte nämlich bereits 1979 in seinen sportmedizinischen Untersuchungen zeigen, dass physiologische Parameter die stressigen Situationen der Partie direkt widerspiegeln.